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Mein Leben in Jericho
 

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fröhliche Evolution

 

Ich habe tiefstes Verständnis für alle die einen fanatischen Hass gegenüber der lustigen Dekade der 70er empfinden. Der Vietnamkrieg war recht doof, die Discomusik irgendwie albern, Lavalampen nur ein spießiger Ersatz für Marihuana und Steve Jobbs hatte noch keinen Krebs. Außerdem sind viele Menschen irgendwann in diesen zehn Jahren geboren und da damalige Säuglinge heute allmählich graue Haare haben (also bei lebendigem Leibe verwesen), ist es nur verständlich, wenn alle Betroffenen betroffen sind und die 70er verfluchen.

Aber nicht alles war schlecht: Kotelleten waren (zumindest bei Männern) angesagt und in Filmen wurde geraucht. Und die Wissenschaft erlebte eine Sternstunde und damit ist nicht die Mondlandung gemeint. Der Mond ist schließlich kein Stern und jedes diesbezügliche Wortspiel damit hinfällig.
Gemeint ist der Quantensprung, den die Biologie erlebte. Und das ganz ohne zutun der Quantenphysik (okay, ich lasse die schlechten Kalauer...).

Bis auf einige Amish und Televenagelisten (man beachte: alles Amerikaner) waren bereits in den 1960ern alle halbwegs kulturschaffenden Menschenaffen von der Evolutionstheorie überzeugt. Seit 1859 ein Engländer auf einem Schiff, das wie eine Hunderasse hieß, die Weltmeere besegelte und Insekten und Vögel beobachtete und in kleine Gläschen sperrte, ist der Ursprung des Lebens und die Vielfalt der Arten kein Geheimnis mehr.
Gott ist nicht unser Vater und Zeus ist nicht unser sexuell überaktiver Onkel. Unsere Mutter ist die Evolution.
"Was soll das denn sein? Evolution? Und warum hat das Wort soviele Silben?" mag sich ein amerikanischer Televeangelist mit rudimentären Deutschkenntnissen nun fragen. Ich will die hypothetische Frage gerne konkret beantworten:

In der Biologie geht es viel um Organismen, fast die ganze Zeit eigentlich. Biologen scheinen wirklich auf dieses ganze lebende Zeug abzufahren.

Und wenn man sich erstmal mit Lebewesen auseinandersetzt gibt es im großen und ganzen nur zwei Theorien um all die brennenden Fragen zu beantworten.
"Welche Fragen, ich habe keine Fragen" , mag so mancher nun denken und damit galant zeigen, dass er es mit dem Denken eigentlich nicht so hat. Alle anderen sind gequält von Fragen wie:

- Warum gibt es verschiedene Arten auf der Erde?

- Was sind die Mechanismen, die zur Artenvielfalt führten?

- Warum habe ich eine ähnlich lachhafte Nase wie mein Vater?

- Warum sind Frauen mit unfassbarer Schönheit gesegnet, mit ihren fein geschnitten Gesichtern, sinnlichen Lippen, betörenden Duft, weicher Haut, ihren üppigen, wippenden, runden, straffem Brüsten, den Himmel emporragenden, steifen Brustwarzen
und oppulenten, massigen, knetgerechten, wackelnden Hintern? (ich komme vom Thema ab...diese verflixte Heterosexualität...)

Theorie 1 lautet wie folgt:
Gott hat das gemacht. Wer ist Gott? Keine Person, sondern eine anthropomorphe Transzendetalgestalt, die ihr eigener Anfang ist. Also so ein bisschen wie Captain Planet, bloß, dass man sich Gott meist mit Rauschebart vorstellt.
Dieser Gott hat 6 Tage lang alles erschaffen, was es so gibt: Licht, Erde, Meere, Pflanzen, Tiere, Menschen und Rauschebärte. Ach ja, und vorher sich selbst halt irgendwie.
Es gibt verschiedene Arten, weil Gott das so will. Damit der Mensch (sein absolutes Lieblingskind) auch was zu tun hat, den ganzen Tieren Namen gibt und anschließend die Namensträger schlachtet und verspeist. Ebenso bei den Pflanzen.
Die Mechanismen sind denkbar einfach und doch unglaublich komplex: Gott zaubert das alles herbei, er hat einen recht großen Manapool und wahrscheinlich einen beeindruckenden Zauberstab, den er natürlich selbst erschaffen hat. Dass er zaubert steht fest, wie er das macht ist so verständlich wie folgende Buchstabenkette Löoipojosdhuzuisagd.
Man hat die Nase seines Vaters, weil...Naja, weil Gott das so will und außerdem gab es da mal einen Fluch (ja, Gott ist auch sowas wie ein mächtiger Hexer), der besagt, dass wir alle die Sünden unserer Väter etragen müssen, nur weil unser Ur-Urgroßvater mal eine Birne gegessen hat, oder so. Die lustigen Nasen unserer Väter gehören wahrscheinlich zum Fluch dazu.
Warum Frauen so sehr, sehr hübsch sind liegt daran, dass sie aus der Rippe des Mannes gemacht wurden.Und zwar von Gott. Was entweder bedeutet, dass die Rippe das hübscheste Stück an uns Männern ist und wir dies, außer bei fatalen Motorradunfällen, nie zeigen können. Oder das diese Gott-Theorie recht Depp ist.

Theorie 2 lautet wie folgt:

Irgendwann gab es einmal ein ganz besonderes Molekül. Das besondere an diesem Molekül war, dass es sich replizieren konnte, es konnte also Nachkommen schaffen, es konnte Klonen, und zwar sich selbst.
(Woher dieses Molekül das konnte ist recht fraglich. wahrscheinlich wurde es von Gott erschaffen. Oder von Captain Planet. Oder beides.)
Tatsächlich handelt es sich bei der Entstehung des Übermoleküls wohl um einen Zufall. Zugegeben, dass aus einem Molekül ein sich selbst replizierendes Molekül wird, scheint unwahrscheinlich. Aber dem Schein nach dreht sich die Sonne ja auch um die Erde.
Wenn man bedenkt, dass es sich zwar um ein sehr unwahrscheinliches Ereignis handelt, dieses Ereignis aber eine sehr, sehr, sehr lange Zeit zur Verfügung hatte um einzutreten, relativiert sich das ganze.

"Was? Verstehe ich nicht? Wer bist du überhaupt?"

Ein Beispiel aus meinen Schatzhort des Privatlebens:
Wenn man sehr unattraktiv ist und ein schwerwiegendes Alkoholproblem sein eigen nennt ist die Wahrscheinlichkeit an einem angestrengt durchgeflirtetetn Samstagabend mit einer Frau den Geschlechtsakt auszuüben sehr gering.
Vorausgesetzt man versucht es nur ein paar hundert Abende. Wenn man aber sehr verzweifelt und mit Unsterblichkeit gesegnet ist und viele Millionen Abende das Kopulieren anstrebt führt dies recht wahrscheinlich zum Beischlaf. (Ha! Nur noch wenige Hunderttausend einsame Abende und ich werde meine Jungfräulichkeit verlieren)

Doch zurück zum tollsten aller Moleküle. Sobald das Replizieren "entdeckt" wurde, gab es kein Halten mehr. Da unser Planet ein endlicher ist (ja, genau, deswegen dieser ganze Wirbel um erneuerbare Energien) und somit nicht genug Platz für alle noch so verkorksten Moleküle hat, kam es zum guten alten Überlebenskampf. Unser Replikatormolekül hatte die einzellige Nase natürlich weit vorn. Schließlich konnte es viele Exemplare seiner selbst herstellen, was andere, weniger familienorientierte Moleküle schnell in die Bredulie brachte. Nach ein paar sinnlosen Sekunden der Einsamkeit verpufften die Einzelgängermoleküle und waren nicht mehr gesehen. Mr Replikatormolekül erfreute sich währenddessen über seine wachsende Sippe.
Die Familie wuchs allerdings so schnell, dass sie sich bald gegenseitig an die nicht vorhandende Gurgel gingen.

Wie es der Zufall so will, funktionierte dieses neuartige Selbstklonen allerdings weder bei Vater- noch bei Sohnmolekül ohne Fehler. Was bedeutet, dass es in diesem An-Die-Gurgel-Gehen der replizierenden Moleküle einige eindeutige Verlierer gab. Manche fehlerhafte Kopien (Mutanten...ja, so wie die Ninja-Turtles) waren bisweilen so missraten, dass sie selbst die recht anspruchslosen Aufgaben eines prähistorieschen Moleküls nicht geregelt bekamen: Sie flutschten nicht gut durch due Ursuppe und das Reproduzieren klappte auch nicht so toll. Andere fehlerhafte Kopien hatten da mehr Glück. Der Kopierfehler, also die Mutation, von so manchen dieser Moleküle hatte durchaus Vorteile, zum Beispiel ein winzig kleines Flaggelenfragment (ein Schwanz)was es dem Molekül ermöglichte ein bißchen schneller durch die Ursuppe zu flitzen - und nicht etwa irgendwo hängen zu bleiben und elendig zu verdorren. Diese beschwanzten Moleküle hatten also Vorteile in der wohlig warmen Ursuppe. Die total bescheuerten Mutanten hatten Nachteile in der wohlig warmen Ursuppe. So kam es dazu, dass die Schwanzträger sich häufiger replizieren konnten (und dies auch taten, sie haben ja nichts anderes zu tun) als die bescheuerte (oder nicht-bescheuerte, aber schwanzlose) Verwandschaft.
Wenn wir jetzt vorspulen, gibt es in der Ursuppe bald nur noch Schwanzträger. Irgendwann sorgt dann eine bescheidene, kleine Mutation dafür, dass das Schwänzchen ein klitzekleines bißchen länger ist als beim Vorfahren. Das Spiel wiederholt sich. Weniger wendige Kurschwanzträger stehen in direkter Reproduktionskonkurrenz mit ihren verwandten, flinken Langschwanzträgern.
Nochmal ein paar Millionen Jahre vorgespult und die Ursuppe ist voller Langschwanzträger. Bis zu dem Zeitpunkt als eine kleine Mutation für so etwas wie eine sehr, sehr dünne und fragile Zellwand sorgte...etc.

Damit hätten wir die unromantischste, aber richtigste Theorie des Lebens auch schon zusammengefasst:
Man nehme:

Variation
(Es gibt verschiedene Dinger mit verschiedenen Eigenschaften an verschiedenen Orten etc. Variation halt...so wie eine Tüte JellyBeans)

Unvollkommene Vererbung
(Dein Nachfahren übernehmen deine Eigenschaften, aber der Fehlerteufel versaut die schöne Synchronintät deiner Klonarmee[Kinder])

Selektion
(Es ist nicht genug für alle da, nur manche können Platz, Ressourcen, Geschlechtspartner für sich beanspruchen...[Experiment: Rotweiler und Katze in einem Zimmer mit nur einer Dose Tierfutter aussetzen. Angewandte (und strafrrechtlich zu verfolgende) Selektion])

Und voila: Es kommt zu Evolution. Immer. Überall. Ohne Wenn. Und ohne Aber. Und ohne Gott.

Beim nächsten Mal:

Und was zur Hölle war jetzt dieser bahnbrechende Quantensprung in der Biologie der 60er?

1 Kommentar 12.4.11 12:25, kommentieren

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